Späte Genugtuung

Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte in die Stille. Obwohl sie nicht sagen konnte was sie geweckt hatte, brach ihr plötzlich der Schweiß aus.
„Lisa?“
Die Stimme ließ sie herumfahren.
Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.
„Johannes!“, entfuhr es ihr. „Was machst du hier?“
Sie schaute auf den Wecker neben ihrem Bett. Es war vier Uhr morgens.
Der Mann antwortete nicht. Er stand nur da, atmete schwer und drückte seinen Körper zwischen Vorhang und Wand.
Sie wiederholte ihre Frage. „Was machst du hier, um vier Uhr morgens in meinem Schlafzimmer und wie bist du hier herein gekommen?“
Der Mann keuchte: „Die Terrassentür war offen!“ Eine leichte Alkoholfahne wehte ihr entgegen. Ihre erste Gefühlswallung hatte sich gelegt. Sie beobachtete den Mann. Das war er, der selbstsichere Ehegatte, der sie vor rund einem Jahr wegen eines Teenagers verlassen hatte. Lange hatte sie gebraucht bis sie die Trennung und Erniedrigung überwunden hatte. Schließlich waren sie mehr als zwanzig Jahren verheiratet und hatten eine Tochter groß gezogen. Er habe, so sagte er ihr damals, die Liebe seines Lebens gefunden und wolle aus seinem grauen Ehe-Einerlei ausbrechen. Für sie kam das völlig überraschend. Sicher, ihre Ehe war nicht gerade von verzehrender Zuneigung erfüllt. Es hatte sich alles eingeschliffen und sie glaubte, dass sie ein gut eingespieltes Team wären. Die anfänglich große Liebe ist einer Zweckgemeinschaft zur Bewältigung des Alltags und dem Aufziehen ihrer Tochter gewichen Die Aufgabenteilung war klar:
Sie managte den Haushalt und die Erziehung ihrer Tochter. Er schaffte dazu die wirtschaftlichen Voraussetzungen. Während er noch studierte war es umgekehrt. Da war sie es, die das Geld als Sekretärin verdiente und ihm die Ausbildung ermöglichte.
Im Laufe der Jahre machte er Karriere und je höher er aufstieg, umso tiefer schaute er auf sie herab. Es war nicht so, dass sie es nicht bemerkte. Aber um des Friedens willen und wegen ihrer Tochter fand sie sich damit ab. Irgendwann verschob sich die Partnerschaft zu ihren Lasten. Er behandelte sie nur noch wie eine Dienstmagd. Besonders wenn er etwas getrunken hatte, demütigte er sie immer häufiger vor ihren Freunden oder wer gerade da war.
Nachdem er sie verließ, konnte sie wochenlang nichts essen. Sie hatte ständigen Brechreiz und nahm mehr als fünfzehn Kilo ab. Ihre beste Freundin, die ihr schon jahrelang riet, sich von diesem Ekelpaket zu trennen, drang endlich zu ihr durch und machte ihr klar, dass sie nichts verloren, sondern etwas gewonnen hatte. Langsam ging es ihr besser. Nachdem sie eine Stellung in Ihrer alten Firma bekam, blühte sie auf.
Dort hatte sie auch einen neuen Freund gefunden. Er war kein Karriere-Typ wie ihr Ex. Dafür war er witzig, warmherzig und hatte breite Schultern zum anlehnen.
Gelegentlich sah sie ihren Verflossenen in der kleinen Stadt.
Mit Genugtuung hörte sie, dass es in seiner neuen Beziehung anders lief. Seine achtzehn Jahre jüngere Lebensgefährtin hatte offenbar die Hosen an und scheute sich nicht davor, ihn lächerlich zu machen.
Nun stand er da in einer Ecke ihres Schlafzimmers. Der strahlende Held ihrer Vergangenheit. Eine Jammergestalt, verschwitzt, mit offenem Schlips und zitterte.
Sie hatte sich mittlerweile vollends beruhigt und beobachtete ihn.
„Also was ist los?“, fragte sie noch einmal.
„Die Polizei ist hinter mir her“, sagte er.
„Weswegen?“
„Ich habe eine Baustellenampel gerammt und bin weiter gefahren.“
„Du hast getrunken. Wo hast du deinen Wagen stehen?“, sagte sie
„Der steht zwei Straßen weiter an dem Kinderspielplatz.“
Er schaute ihr in die Augen „Meine Freundin hat mich verlassen, da ging ich ein paar Bier trinken. Kann ich hier bleiben? Wenigsten für ein paar Stunden?“ Sie hielt seinem Blick stand und sagte,
„Wie stellst du dir das vor? Die Polizei wird dich finden. Und vor allem, warum sollte ich das tun?“
Er antwortete nicht gleich und sackte ein Stück weiter in sich zusammen.
„Was habe ich bloß an ihm gefunden?“, dachte sie.
„Bitte, es ist doch nur für ein paar Stunden, bis sich alles verzogen hat. Wenn die Polizei mich kriegt, bin ich meinen Führerschein und meinen Job los.“
„Warum sollte ich das tun?“, wiederholte sie sich.
„Ich weiß nicht, wegen der alten Zeiten vielleicht?“, fragte er kleinlaut.
„Wegen welcher Zeiten? Meinst du die, wo du mich wie deine Dienstmagd behandelt hast?“
Er antwortet nicht.
Sie schaute noch einmal auf ihren Wecker, stand aus dem Bett auf und zog ihren Bademantel an.
„Komm in die Küche, ich mache dir einen Kaffee und dann verschwindest du“, sagte sie und dachte, „Bin ich denn verrückt, dass ich ihn nicht sofort raus werfe?“
Er folgte ihr in die Küche und setzte sich an den kleinen Tisch,
während sie Wasser kochte und Schnellkaffee in eine Tasse schüttete. Die Küche war winzig. Rechts stand eine Küchenzeile mit Eisschrank, Elektroherd und Spülmaschine. Auf der Seite, gegenüber der Tür, war das Fenster zur Straße. Durch den luftigen Vorhang huschten hin und wieder Lichtkegel der vorbeifahrenden Autos durch den kleinen Raum. Links stand ein kleiner Küchentisch mit zwei Stühlen. Durch viele Kleinigkeiten hatte sie es geschafft, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.
Sie stellte die Tasse vor ihn.
„Nimmst du noch zwei Zucker?“,fragte sie.
Er nickte und nahm ein paar Schlucke. „Gut siehst du aus.“, sagte er und „schön hast du es hier.“ Der heiße Kaffee belebte ihn. Seine Selbstsicherheit kam langsam zurück. Er versuchte seinen Charme anzuknipsen. Das hatte er in den letzten Jahren ihrer Ehe nur noch gemacht, wenn andere Frauen in ihrer Gesellschaft waren.
„Wirklich schön“, sagte er, „Das konntest du schon immer, einen Raum gemütlich machen.“ Er griff in die Taschen seine Jacke und suchte vergeblich nach Zigaretten.
„Hast du eine Zigarette für mich?“
„Ich rauche nicht mehr.“
Sie schaute aus dem Fenster und bemerkte im Dämmerlicht, dass es leicht regnete. Sie hatte diese Wohnung genommen, weil sie so günstig zu ihrem Arbeitsplatz lag und überall ohne Fahrzeug hinkam.
Sie schaute wieder zu ihrem Ex, der sich zusehends erholte. Ihr fiel ein, wie er jahrelang einmal pro Woche mit seinen Kumpels Skat spielte. Meistens bis drei Uhr morgens. Oft war er betrunken und sie musste ihn abholen. Er hätte sich auch ein Taxi nehmen können. Das wollte er aber nicht. „Du bist meine Frau und mein Taxi“, sagte er. „Außerdem musst du dafür sorgen, dass es deinem Ernährer gut geht.“
Sie nahm es hin wegen ihrer Tochter und weil sie jeden Streit vermeiden wollte.
„Wieso hat deine Freundin dich rausgeworfen?“, fragte sie.
„Ach, es war nur ein dummer Streit, wie so oft“, sagte er. „Sie hat einfach kein Gefühl für meine Bedürfnisse.“
„Oh“, sagte sie, „kein Gefühl für deine Bedürfnisse? Hattest du jemals ein Gefühl für die Bedürfnisse anderer Menschen, zum Beispiel meine?“
„Das war etwas anderes“, du warst mit mir verheiratet.“ Sie spürte wie der Zorn in ihr hochstieg.
„Wir hatten eine Vereinbarung, du machst den Haushalt und ich verdiene das Geld.“
„Gehörte zu dieser Vereinbarung auch, dass ich dich morgens um drei aus der Kneipe abholen und deine ständigen Affären ertragen musste?“
Er richtete sich etwas auf und zupfte nervös an seiner Krawatte.
„Da hattest du Mitschuld. Wenn es bei uns sexuell besser gelaufen wäre, hätte ich das nicht gebraucht“.
„Warum werfe ich den Kerl nicht raus oder rufe die Polizei?“, dachte sie.
„Hast du wirklich keine Zigaretten mehr?“
„Nein, selbst wenn ich welche hätte. Ich möchte nicht, dass hier in der Wohnung geraucht wird.“
„Ich habe in letzter Zeit oft an dich denken müssen. Es war ein Fehler unsere Beziehung zu beenden.“
„Du, bist gegangen, nicht ich, du erinnerst dich!“
„Ja, ich war nicht mehr ich selbst. Am liebsten würde ich die Zeit wieder zurückdrehen.“
Sie fühlte sich plötzlich unsicher. Was ist mit mir los. Da kommt dieser Kerl, weil er in der Klemme sitzt, nach so langer Zeit her und glaubt, alles könnte wieder von vorne beginnen? Sicher, es gab auch schöne Zeiten. Lange war sie auch stolz darauf, so einen attraktiven und erfolgreichen Mann zu haben.
Zumindest am Anfang ihrer Ehe und die ersten Jahre als ihre Tochter auf der Welt war.
„Lisa, ich habe dich nie vergessen, wirklich. Wir haben soviel gemeinsam erlebt. Hast du wirklich keine Zigarette im Haus? An der Ecke hängt doch bestimmt ein Automat. Ich kann jetzt nicht raus, wegen der Polizei. Könntest du nicht, vielleicht, bitte!
Es war nur ein Reflex. Wie früher ging sie an den Schrank in dem das Kleingeld war.
Schlagartig hielt sie inne. „Bin ich denn verrückt?“ Sie dachte an ihren Lebensgefährten. Niemals würde der auf die Idee kommen, sie nach Zigaretten zu schicken.
Sie drehte sich um und sah ihm ins Gesicht. „ Es ist besser, du gehst jetzt!“ Er stand auf und versuchte sie in den Arm zunehmen
„Lisa, bitte!“ Sie entzog sich seiner Umarmung. Von draußen wurden blaue Lichtfetzen an die Wände ihrer Wohnung geworfen. Wenig später klingelte es an ihrer Haustür.
Als die Beamten, mit ihrem Ex die Wohnung verließen, öffnete sie das Fenster. Frische Luft strömte herein und sog den Geruch von Bier, Schnaps, Kneipe und ihrer Vergangenheit in sich auf.
Sie atmete tief durch und ging wieder ins Bett.
„Nie wieder“, dachte sie noch „gehe ich in die Sklaverei“. Dann lächelte sie und schlief ein.

Als PDF herunterladen: Spaete-Genugtuung.pdf

Keine Kommentare:

Kommentar posten