Ein schwerer Job

Mein Kollege, Hauptwachtmeister Michael Kern und ich hatten den Auftrag den Untersuchungsgefangenen Patrick Stelter zum Landgericht zu bringen. Weil er nicht damit rechnen konnte das Gericht als freier Mann zu verlassen, fragte er uns, ob er vorher noch einmal mit seiner Mutter telefonieren dürfe.
Er war ein alter Kunde von uns und seine gewinnende Art machten es schwer, ihm etwas abzuschlagen. Also stand ich vor der Telefonzelle, den Fuß in der Tür, damit ich hören konnte was er sagte. Es war Anfang November und verdammt kalt. Der Nebel kroch durch die Klamotten und zog die Haut wie einen gerupften Gänsearsch zusammen.
Patrick Stelter sprach leise, in akzentfreiem Deutsch. Den Telefonhörer hielt er mit  der linken Hand ans Ohr. Die rechte lag zwangsläufig an seinem Hals. Die Handschellen ließen nichts anderes zu.
Er stand mit dem Rücken zur Tür, leicht nach vorne gebeugt. Er war Mitte Vierzig, aber mit seinen schlohweißen Haaren wirkte er älter und zerbrechlicher. So wie er da stand, würde niemand einen Mann in ihm sehen, der einen Schlag bei Frauen hat. Zumindest konnte kein Mann seine Wirkung auf Frauen verstehen.
Bei seinem Prozess vor einem Jahr waren zwölf Frauen von der Staatsanwaltschaft als Zeugen benannt. Lediglich zwei von Ihnen hatten ihn so belastet, dass ein Urteil zustande kam. Insgesamt hatte er rund hundertachtzigtausend Euro ergaunert. Immer mit dem gleichen, uralten Trick:
Nachdem er die Frauen über eine Anzeige kennen gelernt hatte und die Beziehung etwas gefestigt war, lieh er sich Geld von ihnen. Manchmal um ein supergünstiges Geschäft zu machen, mal um jemanden aus der Patsche zu helfen. Streng genommen war beides nicht einmal gelogen. Für ihn war es ein Geschäft und es half ihm vorübergehend aus der Klemme, aus der er aber nie ganz heraus kam. Zwangsläufig lebte er auf großem Fuß und braucht immer wieder frisches Geld um seine Unternehmungen in Gang zu halten.
Re-Investition nannte er das vor Gericht, was ihm sicherlich einen Monat zusätzlichen Staatsurlaub einbrachte.
Auch damals ließen wir ihn vor seiner Verhandlung noch ein letztes Mal telefonieren. Angeblich mit seiner Mutter. Dass er dann als freier Mann den Gerichtssaal verließ, war für alle eine große Überraschung.
Es dauerte kein halbes Jahr, bis sich eine enttäuschte Frau betrogen fühlte und Anzeige erstattete. Im Rahmen ihrer Ermittlungen hatte die Staatsanwaltschaft dann sieben Frauen aufgetrieben, die sich aber erst nach eindringlichem Befragen als Opfer fühlten.
Mittlerweile hatte ich eiskalte Füße und hörte ihn sagen:
„… ja, es sind hier über 30 °C, strahlend blau von morgens bis abends“.
Stelter sagte das so überzeugend, dass ich beinahe nicht mehr fror.
„… jede Menge Palmen, sogar hier vor der Telefonzelle“.
Neben der Zelle stand eine Platane, die ihr Sommerkleid längst auf den matschigen Boden geschüttelt hatte.
„… braun, wer will denn heute noch braun werden?“
Leider konnte ich nicht hören, was die Angerufene antwortete. Auf jeden Fall wird sein gebräuntes Gesicht in den nächsten Monaten der üblichen Zellenbräune weichen.
„Ob seine Mutter ihm das abnimmt?“, dachte ich, „aber er kommt mit jedem Satz überzeugend rüber. Kein Wunder dass die Frauen immer wieder auf ihn hereinfallen.“
„… wie der Brief ist nicht angekommen?“.
Bei der Durchsuchung seiner Wohnung hatten wir über dreihundert Briefe von Frauen sichergestellt. Ich musste grinsen. Mit dem Aufwand den Stelter betrieb, hätte er auch einen ganz normalen Beruf ausüben können. Das hätte höchstens die Hälfte der Zeit in Anspruch genommen.
„… einmal im Jahr muss das sein“.
Letztes Jahr bekam er achtzehn Monate auf Bewährung für zwei Jahre. Die werden jetzt dazu addiert. Langsam wurde ich ungeduldig und klopfte an die Scheibe.
„Ich dich auch“, sagte er und legte auf. Er trat aus der Zelle und lächelte mir verlegen zu.
„Das wird ein langer Urlaub, Stelter. Ich schätze zusammen mit deiner letzten  Strafe, werden drei Jahre herauskommen. Aber wenn du dich gut führst bist du in zwei Jahren wieder raus und kannst die alten Mädels wieder verrückt machen“.
„Nein, nein das ist jetzt vorbei. Davon habe ich jetzt endgültig die Nase voll. Ich kann mich ja jetzt wahrscheinlich eine Weile erholen. Aber können Sie sich vorstellen, wie stressig es ist, all die Frauen bei Laune zu halten?“, fragte er, „die meisten Männer sind nicht einmal in der Lage eine Frau zufrieden zu stellen.“
„Da hast du sicher nicht ganz unrecht“, sagte ich und dachte an meine Frau.
„Allein alle Namen auseinander zu halten. Ich musste praktisch für jede ein Dossier anlegen mit allen Eigenarten, Vorlieben und so weiter. Und dann die ganzen Termine und die Fahrerei. Um eine zufällige Begegnung zu vermeiden, mussten die Damen ja alle aus verschiedenen Städten sein. Manchmal hatte ich drei Treffen an einem Tag. Können sie sich das vorstellen?“
Nein, das konnte ich nicht. Ich fing langsam an, ihn zu bedauern.
„Das musste alles koordiniert werden. Dann gab es ja auch noch die Nächte. Jede Frau hatte andere Bedürfnisse. Die eine wollte die ganze Nacht vor dem Kamin verbringen, eine andere brauchte jede Nacht dreimal Sex und so weiter. Ohne Chemie, die auch einiges gekostet hat, hätte ich das gar nicht geschafft. Nächtelange Hochzeitspläne. Ich hatte keinen Achtstundentag wie ein Beamter“, er schaute mich beinahe vorwurfsvoll an, „das waren 24 Stunden. Eigentlich war das ein Beruf, so eine Art Seelsorger“
Ich musste laut lachen, „und was du den Mädels abgeknöpft hast, war dann die Kirchensteuer?“
„Nein so war das nicht. Ich habe sie zwar um das Geld gebeten, aber nie habe ich sie deswegen bedrängt. Außerdem war es ja nur geliehen.“
Tatsächlich hatte Markus Stelter einigen Frauen das Geld zurückgegeben. Dafür andere aber wieder in Anspruch genommen.
„Ich sorgte dafür, dass die Frauen Wärme und Geborgenheit bekamen. Dafür nahm ich den ganzen Stress auf mich. Ich kam mir manchmal vor wie ein Hahn, der pausenlos seine Hennen unter Kontrolle halten muss.“
„Du bist wirklich zu bedauern. Ich hoffe für dich, dass der Richter das genauso sieht wie du.“
„Ich brauche keine Milde. Am liebsten wären mir so zwei Jahre. Bis dahin habe ich mich erholt.“ Er wirkte erschöpft und ich kam zu der Überzeugung, dass er sich seinen Staatsurlaub redlich verdient hatte.
„Und was machst du wenn du raus kommst?“, fragte ich ihn
„Ich weiß es noch nicht so genau. Vielleicht eine Heiratsvermittlung.
Da habe ich genügend Erfahrung und so eine Existenzgründung wird staatlich gefördert.“
Wir stiegen in unser Dienstfahrzeug und fuhren los. Bis zum Landgericht und seinem neuen Leben waren es noch vier Kilometer.

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