Die Villa Margaretha

Erzählung

Es war einer der besonders heißen Tage in diesem Sommer. Die beiden Männer bemerkten die Hitze nur deswegen nicht, weil sie seit Stunden durch dicht bewachsenen Laubwald ritten, dessen Baumkronen so ineinander verkrallt waren, dass sie nur selten den strahlend blauen Himmel sahen.. Am frühen Morgen waren Horst und Manfred in Münstermaifeld, einer kleinen Stadt in der Eifel, mit ihren Pferden losgeritten.
Nun war es um die Mittagszeit und sie hatten sich verirrt. Die Stimmung der beiden trieb dem Nullpunkt entgegen. Endlich stießen sie auf eine große Lichtung, durch die ein breiter, befestigter Weg führte. Die grelle Sonne traf sie mit solcher Wucht, dass sie stehen blieben um die Augen an die Helligkeit zu gewöhnen.
Horst holte die topografische Landkarte aus der Satteltasche und versuchte herauszufinden wo sie waren, konnte aber keinen Hinweis entdecken. Schließlich ritten sie den Weg entlang. Insgeheim hofften sie, dass ihnen ein Auto- oder Radfahrer oder Fußgänger begegnet, den sie nach ihrem Standort fragen konnten. Aber weit und breit war niemand zu sehen.
Also ritten sie weiter. Nach ein paar Minuten führte der Weg über eine kleine Brücke. Unmittelbar dahinter kam eine scharfe Rechtskurve die in einen großen freien Platz mündete, an dessen Ende ein riesiges Gebäude stand. Kalt und abweisend verschmolz es mit dem bewaldeten Hintergrund. Die Läden an den vielen Fenstern waren geschlossen. Der Anblick der alten Villa kam so unerwartet, dass es ihnen die Sprache verschlug. Nichts deutete darauf hin, dass das Gebäude bewohnt war. Sie stiegen ab und entdeckten an der Seite des Gebäudes die Eingangstür über der das Werbeschild einer Brauerei hing, die schon seit Jahrzehnten pleite war. Ohne wirklich zu glauben, dass sie offen sein könnte, gingen sie zur Tür, die sich mühelos öffnen ließ. Sie lockerten die Sattelgurte, banden die Pferde an und traten ein. Es empfing sie eine feuchte, kühle Dunkelheit und sie mussten eine Weile stehen bleiben bis sich ihre Augen daran gewöhnt hatten. Allmählich waren die Umrisse einiger Möbelstücke in dem langen schmalen Flur zu erkennen. Sie tasteten sich langsam weiter bis zu der Tür mit der Aufschrift „Gaststube“ und traten ein. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss und mit einem Schlag waren sie im Jahr 1965.
Der Geruch nach feuchtem Mauerwerk und abgestandenem Zigarrenrauch legte sich sofort auf die Lungen und kroch in die Kleider. Der Raum war ebenso dunkel wie der Flur. Er hatte das Format eines Landbahnhofs und dessen Charme. Die Holzdielen waren abgelaufen und knarzten jämmerlich. In der Mitte des Raumes, dessen Länge und Breite ungefähr fünfzehn Meter betrugen, funzelte eine einzige Glühbirne von der gestuckten Decke. Hinter dem alten, muffigen Tresen der sich links neben der Eingangstür befand, stand eine alte Frau, die keinerlei Anzeichen machte die beiden zu begrüßen. In dem Raum verteilten sich etwa zehn eckige und ein runder Tisch über dem eine Glocke mit der Aufschrift „Stammtisch“ hing. In der Mitte des Raumes war ein großer schwarzer Bollerofen in betrieb, der eine wohlige Wärme in dem Raum verbreitete. Das Licht einer alten Rotamint Musikbox aus den sechziger Jahren unterstützte die kläglichen Bemühungen der Deckenbeleuchtung. An den Wänden verteilten sich zahllose Hirsch- und Rehgeweihe. Über einem Kamin, der offenbar schon seit Jahren außer Betrieb war, hingen die Bilder einer schönen jungen Frau und einem Mann mit Gewehr und Hund. Entgegen dem sonstigen Mobiliar, wirkten die Bilder seltsam jung und sauber. Auf dem Tisch der Männer standen vier Flaschen Bier und vier Schnapsgläser. Sie spielten Skat.
Hätten Horst und Manfred in der Eifel Außerirdische getroffen, sie hätten erstaunter nicht sein können. Es war August. Draußen war es brütend heiß und hier drinnen brannte der Ofen.
Horst hatte sich zuerst gefangen und sagte überzogen laut: „Guten Tag“ Die Skatspieler drehten sich in ihre Richtung, hielten einen Wimpernschlag mit ihrem Spiel inne und nickten. Die beiden Reiter setzten sich an einen der Tische. Manfred streckte die Hand in die Luft. Die alte Frau kam langsam zu ihnen an den Tisch. Ihre Haltung war aufrecht. Ihr Gesicht strahlte Stolz und Traurigkeit aus. Sie musste einmal eine Schönheit gewesen sein.
Manfred bestellte sechs Bier und sechs Schnaps. Zwei Lokalrunden später hatten die Männer ihr Spiel aufgegeben und sie setzten sich zusammen. Es waren Waldarbeiter in der Mittagspause. Langsam tat der Alkohol seine Wirkung und als Manfred der Musikbox „Ganz in Weiß“ entlockte, wurde die Stimmung entspannt und der ältere der Männer begann die Geschichte der alten Frau und der Villa Margaretha zu erzählen.
Sie reicht zurück in das Jahr 1920. Ein russischer Baron, Miteigentümer einer Gießerei im Ruhrgebiet, hatte sich in Margit, die Tochter des Hotelbetreibers in dem er logierte, verliebt. Er war Mitte vierzig und sie gerade einundzwanzig Jahre alt. Sie erwiderte seine Liebe mit einer Mischung aus Zuneigung und Stolz. Auch sah sie darin eine Möglichkeit ihrem engstirnigen Vater zu entfliehen. Als der die Beziehung bemerkte, verbot er ihr jeden Umgang mit dem Baron.
Aber es war schon zu spät. Sie zogen in eine andere Stadt in ein anderes Hotel. Wenn Margit zu diesem Zeitpunkte gewusst hätte, dass der Baron in Russland verheiratet war und zwei Kinder hatte, wäre sie wahrscheinlich nicht mit ihm fortgegangen. Später war auch ihre Liebe für eine Trennung zu groß. Der Baron überschüttete sie mit Geschenken und richtete ihr ein Bankkonto ein über das sie verfügen konnte wie sie wollte.
Nach einem halben Jahr, der Baron war gerade in seiner Heimat, merkte sie, dass sie schwanger war. Zur Geburt der Tochter kam der Baron gerade noch rechtzeitig. Außer sich vor Freude bestand er darauf, die Kleine in Anspielung auf den Namen der Mutter, Margaretha zu nennen und ließ für die beiden in der Eifel die Villa errichten, der er den Namen seiner Tochter gab. Als Margaretha acht Jahre alt war, kam der Baron von einer Russlandreise nicht mehr zurück. Niemand wusste, was aus ihm geworden war. Margaretha konnte das nicht begreifen. Sie ging immer mehr in sich und wurde nach und nach schwermütig. Sie fing an die russische Sprache zu erlernen und glaubt auch heute noch an die Rückkehr des heißgeliebten Vaters. Schließlich sprach Sie nur noch russisch. Außer ihrer Mutter ließ sie niemanden an sich heran. Als ihre Mittel zu ende gingen, machten sie aus der Villa eine Gaststätte und vermieteten einen Teil der Räume an die Forstverwaltung. Vor ein paar Jahren starb die Mutter. Margaretha lebt seit dieser Zeit mit einem russischen Wolfshund allein in der Villa, die mit ihr gealtert ist und auch mit ihr sterben wird. Sie hat verfügt, dass sie nach ihrem Tod abgerissen wird. Der Platz wird dem Wald zurückgegeben. Nichts mehr wird an Margaretha und die alte Villa erinnern. Nur Ihre Geschichte wird in der Eifel weiterleben.

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